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Kolostrum | Ein Wundercocktail für dein Baby

 

Kolostrum | Ein Wundercocktail für dein Baby

Wenn Du Dich in der Schwangerschaft rund um das Stillen informierst, wirst Du möglichweise oft auf den Begriff Kolostrum, Vormilch oder Neugeborenenmilch stoßen. Nicht nur wir Stillberaterinnen sind immer wieder beindruckt, was dieses natürliche Konzentrat leisten kann, wie vielfältig es in seiner Zusammensetzung ist und wie nur wenige Tropfen davon bei dem Baby große Auswirkungen haben. Auch wenn Du Dich aus persönlichen Gründen dafür entscheiden solltest nicht zu stillen, wird Dir Deine Hebamme oder Stillberaterin empfehlen, Deinem Neugeborenen zu Beginn Kolostrum und erst später Formulamilch zu geben. Doch warum ist dies so? Was macht Kolostrum so einzigartig?

Deine Brust bereitet sich bereits in der Schwangerschaft auf die Versorgung Deines Babys vor. Deine Brüste werden größer, empfindlicher und spannen möglicherweise. Dies sind äußerliche Auswirkungen, die Dir zeigen, dass im inneren Deines Körpers gerade die Vorbereitungen für die spätere Ernährung Deines Babys laufen. Verschiedene Hormone wie z.B. Östrogen und Prolaktin führen dazu, dass Deine Brustdrüsen sich differenzieren, das Drüsengewebe zunimmt und Milchgänge und –säckchen auf die Abgabe von Kolostrum bzw. Muttermilch vorbereiten. Kolostrum oder Neugeborenenmilch wird bereits im zweiten Schwangerschaftsdrittel in Deiner Brust in geringen Mengen gebildet und ist damit auch wenn Dein Neugeborenes etwas zu früh auf die Welt kommt verfügbar.

Das gelbe, dickflüssig, cremige Kolostrum ist für Dein Baby auf Grund seiner Zusammensetzung besonders wertvoll und gleichzeitig schonend. Durch seinen geringeren Fett-und Zuckergehalt, im Vergleich zu reifer Muttermilch, kann Dein Neugeborenes dieses besonders gut verdauen. Auch die geringen Mengen sind für Dein Baby zu Beginn optimal, damit Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse schonend an die neuen Inhaltsstoffe und deren Verarbeitung gewöhnt werden können, die Nahrung verdaut werden kann. Mit jedem Anlegen erhöht sich die verfügbare Menge und der Magen weitet sich immer mehr.

Kolostrum enthält ca. 65 Kalorien/100 ml. Damit liefert es weniger Energie als die reife Muttermilch, die ca. 75 Kalorien/100 ml hat, ist jedoch deutlich konzentrierter an wertvollen Inhaltsstoffen. Es sind zum Beispiel eine Vielzahl an Eiweißen enthalten, wobei sogenannte Immunoglobuline /Antikörper fast 50 % des Gesamteiweißes ausmachen. Dein Neugeborenes kann diese verschiedenartigen Antikörper erst nicht selbst bilden und wird in der Schwangerschaft über die Plazenta und nach der Geburt durch Dein Kolostrum, später der reifen Muttermilch damit versorgt. Diese Immunisierung Deines Babys beginnt bereits früh in der Schwangerschaft, hat seine Höchstphase im letzten Schwangerschaftsdrittel. Ein Wunderwerk der Natur, denn sobald Dein Neugeborenes auf die Welt kommt, ist es mit zahlreichen Bakterien, Viren und auch Allergenen konfrontiert, die es mittels der durch Plazenta bzw. Kolostrum, später Muttermilch übertragenen Antikörper, abwehren kann.

Bis zum Zeitpunkt der Geburt, hat Dein Baby sich ausschließlich von Fruchtwasser ernährt. Während der Geburt kommt es das erste Mal mit sehr vielen Keimen, entweder den mütterlichen Vaginalkeimen, bei einer natürlichen Geburt oder Krankenhauskeimen, bei einem Kaiserschnitt, in Berührung. Um sich bisher unbekannten Keimen zu erwehren, benötigt es Antikörper. Erhält Dein Baby wenige Tropfen Kolostrum, legt sich dieses wie ein dünner Film über die Schleimhäute des Magens, Darms, die Luft- und Harnwege und die enthaltenen mütterlichen Antikkörper schützen damit vor dem Eindringen von Bakterien und Viren. Je öfter Du stillst oder Muttermilch gibst, desto mehr baut Dein Baby eine gesunde Darmflora auf. Der so aufgebaute Nestschutz bleibt etwas 3-6 Monate erhalten, wobei durch das weitere Stillen über den ganzen Zeitraum Antikörper von Muttermilch an das Baby weitergegeben werden. Hast Du eine Erkältung, die Dein Körper abwehrt, gibst Du diese Antikörper über die Muttermilch direkt weiter an Dein Baby und schützt es damit vor diesen Bakterien. Je älter Dein Baby wird, desto mehr baut es sein eigenes Immunsystem auf, kann sich also aus eigener Kraft gegen viele, leider nicht alle, Krankheiten wehren. Zwischen dem 9-12 Monat profitiert Dein Baby immer weniger von den Antikörpern der Mutter, der Nestschutz ist nicht mehr gegeben.

Kolostrum enthält neben Antikörpern auch zahlreiche Enzyme, Mineralien, Vitamine und Stammzellen. Es ist eine Flüssigkeit die lebt, aktiv ist, wie dieses Bild im Vergleich zu Formulamilch, die industriell hergestellt wird, eindrucksvoll zeigt.

Muttermilch lebt!

Es ist beispielsweise im Vergleich zu Muttermilch etwas salzhaltiger, was dazu beiträgt, dass sich der Flüssigkeitshaushalt Deines Babys reguliert. Auch reguliert sich der Blutzuckerspiegel Deines Babys. Die Energie des Zuckers benötigt es z.B. um seinen Wärmehaushalt in der neuen Umgebung zu regulieren.

Zudem wird durch die Nahrungsaufnahme die Verdauung angeregt, Kolostrum wirkt förmlich abführend und Dein Baby ist in der Lage den ersten Stuhl auszuscheiden. Dieser erste Stuhl ist schwarz-grünlich, wird daher oft als Kindspech oder Mekonium bezeichnet und verändert sich farblich mit jeder weiteren Ausscheidung. Diese Ausscheidungen sind sehr wichtig, da mit jedem Stuhl Abfallstoffe, wie zum Beispiel das Bilirubin, ausgetrieben werden können. Damit fällt im Hinblick auf das Bilirubin das Risiko für die Neugeborenengelbsucht. Dieses Abbauprodukt aus roten Blutkörperchen, die in der Schwangerschaft benötigt wurden, kann sich nicht mehr in den Zellen ablagern (was eine gelbliche Färbung von Augen und Haut beim Baby hervorruft), sondern wird ausgeschieden.

Um die Vorteile des Kolostrums für Dein Baby optimal zu nutzen, ist es gut, wenn Dein Baby direkt nach der Geburt die Möglichkeit erhält an der Brust Kolostrum zu erhalten. Je schneller Dein Baby dies direkt nach der Geburt erhält, desto eher stabilisiert es sich, ihm ist weniger übel, die erste Ausscheidung kann schneller angestoßen werden. Der direkte Haut zu Hautkontakt, Ruhe und der erste Versuch Dein Baby anzulegen ist daher sehr wichtig. Vielleicht schleckt es zu Beginn die Brustwarze ab und saugt nur sehr kurz. Mit Hilfe einer unterstützenden Kolostrummassage kannst Du unterstützen, dass wenige Tropfen direkt in den Mund Deines Babys gelangen. Die Hebamme oder Kinderkrankenschwester kann Dir zeigen wie dies funktioniert. 

Ist Dein Baby nicht bei Dir, dann kann das Kolostrum durch Deine Hebamme oder eine Kinderkrankenschwester mittels einer Spritze aufgenommen und Deinem Baby gegeben werden. Im Anschluss ist es optimal wenn es 8-12 x in 24 Stunden Kolostrum erhält.

Kolostrum ist bis zu 14 Tage bei einem reifgeborenen Baby verfügbar, wobei sich die Zusammensetzung dem Bedarf entsprechend verändert. Langsam wird es immer heller, enthält mehr Wasser und Fett und die Menge steigert sich, bis es zum Milcheinschuss der reifen Muttermilch kommt.

Wir haben ja bereits oben beschrieben, das Kolostrum bereits im zweiten Schwangerschaftsdrittel verfügbar ist. Für Frühgeborene Kinder ist die Gabe von Kolostrum fast lebensnotwendig. Die Organe der Frühchen sind noch weniger ausgereift, als bei reifgeborenen Babys, das Frühgeborene konnte auf Grund einer kürzeren Schwangerschaft weniger mütterliche Antikörper durch die Plazenta erhalten, was sie anfälliger für Bakterien und Viren in der neuen Umgebung macht. Doch auch hier hat die Natur eine optimale Lösung: das Kolostrum ist bei Frühchen länger verfügbar, ca. 20 Tage lang. Es ist in seiner Zusammensetzung genau auf den Bedarf des Frühchens abgestimmt und kann in kleinen Mengen von dem zu frühgeborenen Baby gut verdaut werden. In dieser Situation lohnt es sich daher besonders das Kolostrum per Hand zu gewinnen und dem Frühchen zum Beispiel über eine Sonde zu verabreichen. Hier zählt jeder Tropfen, damit Dein Baby gut gedeihen und vor Krankheiten zum Beispiel durch Krankenhauskeime besser geschützt werden kann.

Tatsächlich ist die Zusammensetzung von Neugeborenenmilch noch nicht bis in den letzten Bestandteil erforscht und aufgeschlüsselt. Ca. 200 Substanzen sind bis heute bestimmt worden, die in Kolostrum/Muttermilch enthalten sind und immer wieder werden neue Substanzen entdeckt. Dies erklärt auch, warum es nicht möglich ist, diesen natürlichen Cocktail, technisch nachzubauen. Hier findest Du einmal einen Überblick, was Muttermilch im Vergleich zu Formularmilch unter anderem enthält.

Muttermilch Zusammensetzung

Bild: Quelle Hebammenforum 06/2014 S. 570 modifizierte Übersetzung von

http://doublethink.us.com/paala/wp-content/uploads/2012/11/whats-in-breastmilk-poster-canada.jpg

Übrigens produzieren nicht nur wir Menschen Kolostrum, sondern prinzipiell alle Säugetiere. Daher ist es nicht verwunderlich, dass zum Beispiel aus Rinderkolostrum Extrakte gewonnen werden, die erwachsene Menschen nehmen um Ihr Immunsystem zu stabilisieren.

Interessanterweise war Kolostrum lange Zeit in Deutschland und anderen Ländern in seiner Wirkung unterschätzt und wurde allzu oft verworfen. Die Unwissenheit über die Zusammensetzung, und Vermutungen der Unreinheit auf Grund der gelblichen Färbung, führten dazu, dass auch heute noch in einigen Ländern das Kolostrum verworfen, das Baby nicht direkt nach der Geburt angelegt wird. Stattdessen werden alternative Nahrungsmittel je nach Kultur verabreicht und erst nach mehreren Tagen das Kind an die Brust der Mutter zum Stillen gelegt. In den Industrieländern hat sich glücklicherweise das Wissen rund um das natürliche, menschliche Kolostrum durchgesetzt, so dass sich auch Frauen, die nicht stillen wollen, oft dafür entscheiden trotzdem Kolostrum zu gewinnen und dem Kind zu geben.

Dies finden wir sehr erfreulich und hoffen, dass Dir mit diesem Beitrag, die Vorteile der Kolostrumgabe für Dein Baby verdeutlicht wurden. Wenn Du Dich noch einmal in Ruhe über die Vorteile des Kolostrums informieren möchtest, empfehlen wir Dir die Hörinformation unserer Kollegin Katja Biernath-Kruse:

http://www.kolostrumkarte.de

Bildquelle: fotolia © Romanova Anna

Hier noch ein wichtiger Hinweis von Aleyd v. Gartzen, den wir gerne veröffentlichen! Quelle: Sie stammt, so wie sie vorliegt, vom Deutschen Hebammenverband, kommt im Original aus Kanada, und ich habe sie im Rahmen meines Amtes als Beauftragte für Stillen und Ernährung des DHV 2014 übersetzt. Daraufhin erschien sie in der Verbandszeitschrift des DHV (6/14).

 

 

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